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Reise "Das Alte und das Neue"


Nach einer schönen Entspannung taucht eine Burg auf. Dann stehe ich in einem ca. 5 x 7 m großen Innenhof, in dessen Mitte sich ein Springbrunnen befindet. Das Wasser plätschert nur schwach. Am Boden liegt Kies. Alles macht einen geordneten Eindruck. Die Sonne scheint hell und freundlich. Ich fühle mich eingesperrt, umgeben von Mauern, über die ich nicht drüber schauen kann.

Mir gegenüber führt eine dicht mit Efeu bewachsene Treppe nach oben. Ich schaue mich um, der Kies knirscht unter meinen Füßen. Ich empfinde diesen Ort als friedlich und angenehm. Ich würde gerne hier bleiben, dennoch zieht es mich zu der Treppe. Sie wurde lange nicht benutzt. Ich kämpfe mich hinauf, bleibe dabei oft am Efeu hängen. Ich schaue hinunter in den Innenhof. Jetzt sehe ich dort symmetrisch angeordnete Rosenbüsche, die Vögel zwitschern und es tut mir irgendwie leid, ihn zurück zu lassen. Mein Begleiter fordert mich auf, dies dem Innenhof mitzuteilen. Der antwortet: „Ich weiss, du kommst wieder“.

Ich steige die Treppe hinauf und bekomme mit jeder Stufe einen besseren Überblick. Eine karge Landschaft taucht auf, in der Ferne liegen die Wüste und Berge. Oben an der Treppe ist ein wunderschönes schmiedeeisernes Tor, es ist einen Spalt breit offen und ebenfalls mit Efeu überwuchert. Es ist mühsam, den Efeu herauszureißen, die Hände tun mir weh. Jetzt kann ich es öffnen, schreite hindurch und schaue mich um. Ich habe lediglich eine 90° Perspektive, rechts sehe ich nichts. Ich blicke zurück auf den Innenhof, daneben sind viele Mauern mit vielleicht noch mehr Höfen? Eine Steintreppe ohne Efeu führt mich von hier oben hinab. Ich steige hinunter, die Mauern wirken wie ein Tunnel. Je tiefer ich komme, um so heißer wird es. Die Mauern reflektieren die Wärme. Unten zeigen sich mir zwei gleich aussehende Gänge, einer links, einer rechts. Hier ist es schattig und kühl. Es zieht mich ganz klar nach links. Dort wird es wieder warm und sonnig. Ich komme in einen sehr großen gepflasterten Innenhof. Alles wirkt exotisch. In der Mitte befindet sich ein Ziehbrunnen mit Eimer.

Dahinter taucht ein Kamel auf. Es ist gesattelt. Ich komme näher und begrüße es. Das Kamel sagt, es hat mich schon erwartet. Ich frage warum. Das Kamel antwortet, ich soll nicht so ungeduldig sein. Es will mir etwas zeigen. Das Kamel geht in die Knie und ich steige auf. Es fragt, ob ich aufgrund der langen bevorstehenden Reise nicht noch etwas Wasser trinken möchte. Ich trinke aus dem Brunnen, dann bin ich bereit.

Das Kamel setzt sich in Bewegung. Wir überqueren den Hof und in den Fenstern sind Menschen, die uns zuwinken und alles Gute wünschen. Wir kommen zu einem großen, geschnitzten Holztor, die Flügel öffnen sich nach außen und wir galoppieren los. Der Weg führt steil bergauf durch eine karge, ockerfarbene Landschaft. Oben angekommen haben wir einen Panoramablick. Die Burg liegt in weiter Ferne, die Landschaft ist sehr interessant: da sind Berge, Vulkane, Ebenen und ganz weit entfernt Häuserdächer, aber nichts Grünes. Ich bitte das Kamel, mich absteigen zu lassen. Dann fragt es mich, in welche Richtung es mich am meisten zieht. Ich drehe mich einmal im Kreis und bin ratlos. Es sieht fast überall interessant aus, ich kann mich nicht entscheiden. Das Kamel hat nichts anderes erwartet. Es gibt so viel Neues, Interessantes, Entdeckenswertes aber der Zeitpunkt für Entscheidungen ist noch nicht gekommen. Ich will dem jetzt ebenen Grat noch ein Stück folgen und steige wieder auf. Das Kamel sagt: „Es ist wichtig, Neues zu entdecken, denn nur so kannst du deinen Weg finden und es ist gut dass du nicht zurück, sondern weitergehen willst“.

Wir reiten weiter, der Grat wird jetzt ganz schmal. Links und rechts davon befinden sich zwei Vulkankrater, die sich in der Mitte fast berühren. Ich kann nur jeweils den halben Krater sehen. Wir kommen an eine ganz schmale Stelle und mir wird mulmig. Ich bitte das Kamel anzuhalten, weil ich Angst habe, dass es dort nicht vorbei kommt ohne abzustürzen. Das Kamel sagt: „Du kannst mir vertrauen“.

Mir wird abwechselnd heiß und kalt. Das Kamel setzt vorsichtig einen Huf vor den anderen, ich mache die Augen zu. Als wir die Stelle passiert haben, mache ich sie wieder auf, schaue zurück und sehe, wie in diesem Moment aus den zwei Kratern einer wird. Diesen kann ich jetzt ganz sehen, er ist schwarz. Rauch steigt aus der Mitte empor und es fängt an zu rumpeln. Dann speit der Vulkan unter lautem Grollen Feuer und Lavabrocken, rotglühende Lavaströme fließen hinab, der Himmel verdunkelt sich – ein faszinierendes Schauspiel! Ich fühle mich sicher da wo wir stehen, obwohl es auch unheimlich ist.

Irgendwann beruhigt sich der Vulkan wieder, es blitzt und donnert, dann regnet es. Ich steige ab und breite meine Arme aus, schaue in den Himmel und lasse den Regen über meinen jetzt nackten Körper laufen. Das ist sehr reinigend. Dann wird es wieder heller und wärmer, die Wolken verziehen sich und die Sonne zeigt sich wieder. Die Lavaströme erkalten und überall sprießt frisches Grün. All das geschieht im Zeitraffer. Das Kamel lacht amüsiert angesichts meines Erstaunens. „Das ist natürlich nicht die normale Geschwindigkeit für Veränderungen“, sagt es, „sie geschehen nur langsam“. Beide Vulkankegel sind inzwischen begrünt, dazwischen verläuft ein breiter Grat. Der Himmel ist dunkel blau und wolkenlos. Ein atemberaubender Anblick. Das Kamel erkundigt sich, ob ich zufrieden bin. Ich bejahe und will gleich wissen, wann für mich der Zeitpunkt für Veränderung kommen wird. Das Kamel antwortet, dass das so schnell nicht geht. „Das habe ich mir schon fast gedacht“, gestehe ich ein. Ich will das hier alles noch genießen, sage ich dann, die Natur gibt mir so viel Kraft. Kaum ausgesprochen, antwortet die Natur mit einem Blitz gefolgt von einem lauten Donner. Jetzt sehe ich, wie sich zwischen den Vulkanen ein Fluss bildet. Ich will da runter, sage ich. Wir können weitergehen oder zurück, meint das Kamel. Ich will weitergehen, sage ich bestimmt, und steige wieder auf.

Der Grat wird zu einem schmalen sich in Serpentinen steil nach unten schlängelnden, steinigen Pfad. Ich halte mich ganz fest und blicke ängstlich nach unten. Das Kamel stoppt und versichert mir, dass es mich beschützen und auf allen unwegsamen Wegen bei mir sein wird. Ich bedanke mich und drücke es ganz fest: Das hat mir noch niemand gesagt, stammle ich. „Ich weiss“, antwortet das Kamel.

Wir kommen hinunter ins Tal, ich blicke zurück, es ist wirklich sehr steil, von wo wir kommen. „Das hätte ich mich alleine nie getraut“, sage ich noch. Ich kann jetzt den Fluss sehen, er ist gesäumt von Büschen und Bäumen. Giraffen, Flusspferde, Antilopen und andere Tiere trinken und baden im Fluss. Das Leben pulsiert, der Fluss hat die Fruchtbarkeit hierher gebracht. „Geh mit dem Strom, nicht dagegen“, sagt das Kamel. Wir gehen stromabwärts am Ufer entlang und beobachten, wie glücklich die Tiere sind. „Wasser ist ein wichtiges Element“, meint das Kamel. Es weht ein angenehmer Wind, und ich habe das Gefühl, dass wir bald wieder bei der Burg sein werden. „Dort bist du im Moment noch besser aufgehoben. Die Zeit ist noch nicht reif, aber du hast einen ersten Eindruck bekommen, worauf es sich zu warten lohnt“, sagt das Kamel. Ich überlege kurz und stimme zu. „Ich werde dich zur Burg zurückbringen und wenn wir wiederkommen, wird alles anders sein, denn alles ist in ständigem Wandel“, fügt es hinzu.

Wir stehen wieder vor dem Holztor der Burg, die Flügel öffnen sich diesmal nach innen. Ich werfe einen letzten Blick zurück. Das Kamel geht hindurch und dreht sich um, damit ich sehen kann, wie die beiden Flügeltüren sich wieder schließen. Die Menschen in den Fenstern begrüßen uns klatschend und rufend. „Sie sind stolz auf dich, weil du neue Wege beschreiten möchtest“, beantwortet das Kamel meine fragenden Blicke. „Aber sie kennen mich doch gar nicht“, werfe ich ein. „Da täuschst du dich, es stehen mehr Menschen hinter dir als du denkst“, antwortet das Kamel. Jetzt erst kann ich zurück grüßen. Daraufhin klatschen sie noch lauter und rufen: „Du schaffst es!“

Wir sind am Brunnen angekommen, ich stelle dem Kamel einen Eimer Wasser hin. Es sagt, dass ich jederzeit wieder kommen kann. Ich umarme es und bedanke mich. Die Menschen schließen die Fenster, es kehrt Ruhe ein. Ich gehe zur Treppe. Das Kamel ruft mir nach: „Bis bald, es dauert nicht mehr lang“. Ich winke zustimmend. Oben gehe ich durch das schmiedeeiserne Tor hinunter in den Burghof. Als ich zurückblicke, sehe ich, dass der Efeu wieder in seiner ursprünglichen Position ist. Ich überlege, ob ich tatsächlich „drüben“ in der neuen Welt war oder ob ich alles nur geträumt habe. Ich schaue mich um und finde alles sehr klein und eng. Ich schaue wieder hoch zum Tor und beschließe, dass ich diesen Innenhof doch so schnell wie möglich verlassen möchte.

Ergänzung:

Das war eine meiner ersten Reisen. Sie verdeutlicht meinen starken Wunsch nach Wachstum und Veränderung. Nach einigen Monaten ergab es sich, dass mein Adler mit mir über fruchtbare Landschaften flog und mir Ausblicke auf das bereits Erreichte gab. Wir kamen auch bei der Burg vorbei. Der Innenhof lag friedlich und verlassen da. Der Efeu war gänzlich verschwunden, das schmiedeeiserne Tor schwang leise im Wind auf und zu.

Hannelore

 

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